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Mit gefalteten und geballten Händen
Schreckliche Bilder haben wir in den letzten Tagen gesehen, schreckliche
Nachrichten haben uns erreicht. In Haiti, einem der ärmsten Länder der
Welt, hat ein Erdbeben unfassbare Schäden angerichtet und eine
unglaubliche Zahl von Menschenleben zerstört. Wir mussten diese
schrecklichen Bilder nur sehen, tausende mussten sie erleiden.
Eine der größten Katastrophen seit Menschengedenken, jetzt rechnet man
mit fast 200.000 Toten. 200.000 abgebrochene Biographien, nicht zu Ende
geschriebene Geschichten. So viele Kinder.
Wir haben als Christen keine schnellen Antworten auf dieses unfassbare
Leid. Nur die trotzige Hoffnung, dass Gott mittendrin mitleidet und von
Anfang an unten war. Denen, die jetzt leiden, hilft das nicht so einfach über
den Schmerz.
Gott muss ertragen, dass wir unsere Fragen, unsere Wut in den Himmel
schleudern, weil wir nicht begreifen, weil wir trotz aller Spenden und Hilfen
mit leeren Händen dastehen, fassungslos, hilflos gegenüber den Gewalten,
die wir nicht bändigen können.
Es ist furchtbar, was geschehen ist, aber es ist auch fast unglaublich, was
darauf folgte. So nah stand die ganze Welt selten zusammen. So schnell
sind wir selten über Gräben gesprungen, vor den wir sonst zaudern und warten
und warten… Wir können helfen, wenn wir wollen.
Gott ist größer, rätselhafter, unbegreiflicher als unsere leicht gesprochenen,
hilflosen Formeln. Natürlich sind die Toten geborgen in der Liebe Gottes,
das hoffen wir zumindest, weil wir glauben. Aber wie weit trägt dieser Trost
bei den Hinterbliebenen.
Gott ist auch furchtbar in seiner Rätselhaftigkeit, in seinem Schweigen kaum
auszuhalten. "Was ist der Mensch, dass Du an ihn denkst…", heißt es im
Psalm. Wir sind so erschreckend klein, wir selbstverliebten Globalplayer.
Aber wir sind nicht so klein, dass wir uns nicht aufrichten könnten und mit
gefalteten und geballten Händen zugleich trotzig beten könnten.
Zeige Dich Herr, Unendlicher, Unfassbarer, Du übersteigst wirklich all unser
Begreifen.
Zeige Dich in Menschen, die jetzt helfen, Toten Würde geben, Waisen
versorgen, der Verzweiflung wehren.
Zeige Dich in Menschen, die allen, die auch in unserem Land um ihre
Liebsten trauern, zur Seite stehen.
Zeige Dich in allen, die Mitmensch und Engel bleiben, auch dann wenn die
Opfer aus den Schlagzeilen sind.
Zeige Dich Herr in allen, die jetzt abgeben von dem, was ihnen gehört, die
verzichten, weil sie es tun können und nicht weil das Leben sie dazu zwingt.
Es fällt schwer in diesen Tagen die richtigen Worte zu finden, es ist
eigentlich fast unmöglich, aber wir können uns mit geballten und gefalteten
Händen an Gott wenden.
Im Blick auf die Katastrophe möchte man an ihm verzweifeln. Im Blick
jedoch auf die ungeheure Solidarität und Menschlichkeit, die im Moment die
Völker verbindet, spüren wir, dass er uns nicht verlassen hat, und unsere
Rufe nicht ins Leere gehen.
Das, was wir im Moment erleben, kann uns verändern. Wir können
erkennen, was wichtig ist, jeden Tag. Wir können lernen, dankbarer zu sein
für alles, was uns so selbstverständlich erscheint. Und was so schnell
vorbei sein kann.
Hilf uns dabei, Gott, denn unser Glaube ist oft zu klein, und unsere eigene
Kraft reicht nicht aus. Viele Hände sind zu geballt, viele Herzen sind zu
verwundet, viele Augen sind zu verheult. Gott, wir möchten der Opfer
gedenken und versuchen zu helfen.
Gib uns dazu von Deinen Atem,
von deinem Segen,
von deiner Kraft.
Amen
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